Wunder gibt es immer wieder
(Wanderung um das Kloster Agios Neophytos auf Zypern)
Der Wanderführer über Zypern gehört der Stadtbücherei Eschborn und ist aus
dem Jahr 2002. Die Wegbeschreibung darin ist also noch gar nicht so alt,
aber man glaubt ja gar nicht, wie schnell sich die Welt verändert.
Unser Wanderweg war leider nicht mit Wegmarkierungen gekennzeichnet,
trotzdem sind wir, dem Wanderführer vertrauend, vertrauensvoll losgegangen
- mit überraschenden Ergebnissen und der nicht neuen Erkenntnis:
Mit Gott gibt es immer einen Weg!
Die Anfahrt von Kato Pafos aus mit dem Bus den Berg rauf nach Pafos war
problemlos, doch dann erklärte uns eine nette Russin, die an der Endstation
Werbematerial verteilte, dass der weiterführende Bus erst in knapp einer Stunde
ginge, wir aber dann nicht mehr zurückkommen könnten, da der letzte Bus vom
Kloster aus um 12.30 Uhr abfährt. Ich war verunsichert und wir konnten uns nicht
einigen, ob wir das riskieren sollten. Das führte dazu, dass wir doch nicht zum
Kloster weiterfuhren, sondern ersatzweise die Oberstadt erkundeten
(und an einem nicht mehr vorhandenen Restaurant mit Meeresblick auch
vehement unsere unterschiedlichen Meinungen austauschten).
Aber am nächsten Tag nahmen wir den Frühbus. Die Russin begrüßte uns
freundlich nickend und meinte, dass wir heute genügend Zeit bis zur Ruckfahrt
am Kloster hätten. Der Anschlussbus kam bald und die Anreise zum Kloster
gestaltete sich etwas abenteuerlich, da der Busfahrer erst Einheimische, die
am frühen Morgen Lebensmittel in der Stadt gekauft hatten, in verschiedenen
kleinen Ortschaften absetzte. Diese Ortschaften hatten sehr enge Gassen, die
er aber mit Bravour und Vollgas durchfegte. Immerhin waren auf beiden Busseiten
noch etwa 5 cm Platz bis zu den Häusern. Er kannte sich eben gut aus und
glücklicherweise kam uns niemand entgegen. Nachdem er dann noch den
Postsack an der Postagentur abgegeben hatte, wurden die verbleibenden
Touristen zum Kloster gebracht.
Wir entschieden, dass wir zuerst unsere Rundwanderung machen wollten und
erst danach, mit der bis zur Busrückfahrt verbleibenden Zeit, das Kloster
besichtigen wollten.
Die Abzweigung nach Tala fanden wir leicht, ebenso das steinerne Lagerhaus an
der linken Straßenseite und den scharf links abbiegenden Wirtschaftsweg, doch
der endete nach ca. 100 Metern in einer Obstplantage. Auf der Suche nach den
im Buch angegebenen Weinbergen fand ich einen lange nicht mehr benutzten und
mit herrlichen Blumen überwachsenen Weg, der nach ca. 400 Metern an einem
Steilhang endete. Schade.
Also zurück zur Aprikosenplantage. Oberhalb der Plantage fanden wir so etwas
wie einen Weg in die andere Richtung, aber immer noch keine Weinberge.
Wir hatten aber zumindest eine Hoffnung, denn sonst gab es nichts Wegähnliches.
Also folgten wir zaghaft dieser Spur und suchten (vergeblich) den Weg, der nach
etwa 300 Metern in einen anderen einmünden sollte. Stattdessen hielten wir
ersatzweise auf einen Neubau unterhalb des Berges Melissovounos (590 m) zu,
in der Hoffnung, dort jemanden fragen zu können. Ein freundlicher zyprischer Herr
wies uns auf Englisch den Weg entlang der Strasse, an der wir viele schöne Häuser
und Gärten bestaunen und von der aus wir eine berauschende Aussicht auf die
Küste und viele Buchten genießen konnten, doch unsere innere Stimme sagte uns
irgendwann, dass wir auf der falschen Seite des Berges sind und dass wir gemäß
Wegbeschreibung nur wenige Meter der Teerstraße folgen und dann links in
Richtung der Antennen weitergehen sollten. Also gingen wir die ca. 2 km zurück
und genossen den Ausblick, den wir sonst nicht gehabt hätten. Erneut beim Neubau
angekommen fanden wir einen Schotterweg, der links um den Berg herum ging,
auf dem die Antennen standen, die wir natürlich nicht vor uns, sondern über uns
hatten.
Nun aber waren wir wieder im Plan, auch wenn Gisi das nicht glauben konnte.
Wir fanden sogar den beschriebenen Aufstieg zur Bergspitze mit seiner
wahrscheinlich wunderschönen Aussicht, doch aus Zeitgründen verzichteten
wir und stiegen weiter zum Nachbarberg auf 632 m hinauf. Wir hatten wieder
herrliche Aussichten in Täler und Schluchten. Wir fanden wundervolle Blumen
und Blüten und wir folgten dem sich aufwärts ziehenden Schotterweg, von dem
meine Frau annahm, dass er wieder der Falsche sei. Dennoch fanden wir, gemäß
Buchbeschreibung, die Teerstraße nach Kili, doch die zuvor angekündigten
Weinberge gab es nicht mehr. Die Terrassen am Berg waren leer und verwildert
und Müll war lieblos in das Tal neben dem Weg gekippt worden. Oh tempora,
oh mores! Was in sieben Jahren alles geschehen kann. Ein Land im
wirtschaftlichen Aufbruch vergisst sehr leicht die ursprünglichsten Werte.
Nach etwa einem Kilometer sollten wir zwei Wegweisern nach Kili begegnen.
Es gab aber weit und breit nur diese eine geteerte Bergstraße und ein Wegweiser
wäre sinnlos gewesen, ebenso ein zweiter. Wir fanden aber ein Hinweisschild,
das besagte, dass ab dem Schild die Region Kili beginnt und wir fanden kurz
dahinter einen Weg, der steil abwärts in eine Schlucht in Richtung Kloster führte.
In der Hoffnung, doch noch die beiden Wegweiser zu finden, gingen wir auf der
Bergstraße weiter in Richtung Kili. Nach weiteren 2 Kilometern ohne Wegweiser,
am Ortseingang des Bergdorfes Kili, mit einem guten Blick auf die Schlucht,
die wir durchqueren sollten, sahen wir nichts anderes als Obstplantagen auf
terrassierten Bergplattformen, nicht jedoch den angekündigten Johannisbrotbaum
als Wegmarkierung oder das Buswartehäschen gegenüber dem zweiten Wegweiser.
Also gingen wir auf der Straße zurück bis zu dem steil nach unten in die Schlucht
führenden Weg. Immerhin waren wir bis dahin bereits 8 km vom Kloster aus den
Berg hinaufgestiegen und daher leicht ermattet.
Nach etwa 1 km, dort, wo der Einstieg in die Schlucht hätte sein können, fanden
wir nur einen tiefen Riss im Boden, oberhalb von uns nur einen Meter breit und
unerkennbar tief, unterhalb von uns ca. 3 Meter breit und dicht und undurchdringlich
bewachsen. Der Weg aber ging wieder aufwärts und endete schließlich in einer
terrassierten Obstplantage mit ganz weichem Boden, wie frisch gepflügt. Man ging
darauf wie auf Federn.
Wir sahen uns gründlich um, sahen aber nur die unüberwindbare etwa 4 Meter
hohe Stufe zum nächsten höheren Plateau und vielleicht 300 m entfernt über uns
ein Haus. Ich versuchte die Böschung hochzuklettern, aber ich rutschte immer
wieder ab. Sie war viel zu steil. Was nun? Meine Frau war ziemlich down.
In ausweglosen Situationen kann man nur noch beten und als ich nach dem Gebet
die Augen wieder öffnete und mich zu meiner Frau umdrehte, sah ich plötzlich
einen kaum wahrnehmbaren Pfad, der zur nächst höheren Terrasse führte.
Ich hätte wetten können, dass er vorher nicht da war. Ich sagte: „Huch, da geht
es ja weiter!“ Sie aber war skeptisch. Ich stieg hinauf und sah von dort aus einen
kurzen weiteren unscheinbaren Weg, der zum Haus hinaufzuführen schien.
Ich rief ihr zu, sie solle mir folgen, was sie aber nur sehr zögerlich und zweifelnd tat.
Außerhalb unserer Wegbeschreibung wurden wir nun irgendwohin geführt.
Und wenn man betet und einen Weg gezeigt bekommt, dann sollte man ihm
auch vertrauensvoll folgen.
Der unscheinbare, kurze Weg führte jedoch nicht zu dem Haus, sondern auf einen
breiten, festen Weg unterhalb des Hauses, der langsam in Richtung Kloster, weit
oberhalb der Schlucht, bergab ging. Im festen Vertrauen auf Gottes Führung
(und in Ermangelung einer Alternative) folgten wir unsicher diesem Weg und
kamen an einen Fußballplatz, der zum Teil aus dem Berggipfel eines 537 m hohen
Berges herausgebrochen worden war. Zunächst erschrocken, dann aber erleichtert
stellten wir fest, dass der Weg daran vorbei weiterführte. Die Richtung stimmte
immer noch. Was will man mehr? Also umrundeten wir die halbierte Bergspitze und
fanden uns auf den Rücken eines Bergausläufers. Rechts und linkst von uns eine
tiefe Schlucht, vor uns ein weiter Blick über mehrere Dörfer bis hin zum etwa 10 km
entfernten Meer. Wir schauten uns nach einem weiter abwärts führenden Weg um,
sahen aber nur unseren Weg, der weiter um die halbierte Bergspitze führte.
Wir gingen also weiter, so weit, bis er schließlich an einem steilen Abhang, an
dessen Fuß das Kloster zu sehen war, abrupt endete.
Was nun? Gott hatte uns bestimmt nicht diesen Weg gezeigt, dass wir eine schöne
Aussicht auf das Kloster haben sollten. Irgendwo musste ein weiterer Weg sein.
Dieser Irrweg konnte nur eine Herausforderung unseres Vertrauens in ihn sein.
Wer suchet, der findet, heißt es. Also gingen wir den gleichen Weg wieder zurück,
doch plötzlich merkte ich, dass es nicht mehr der gleiche Weg war, denn er führte
uns abwärts. Ich war verdutzt, erstaunt und erfreut und dankte Gott erneut. Wie
konnte plötzlich etwas da sein, was vorher nicht zu sehen war? Hatten wir diesen
breiten Weg etwa übersehen? Das konnte nicht sein. Immerhin hatten vier Augen
gesucht. Unser neuer Weg endete an einer keinen Aussichtplattform, mit einem
schönen Blick in die Weite, hinunter auf das Kloster, etwa 150 Meter steil unter
uns und den von dort abfahrenden Bus. Kein Weg führt 3 km durch gebirgige
Wildnis, um plötzlich an einem Aussichtspunkt zu enden, schon gar nicht so nah
an unserem Ziel. Irgendwo musste es weitergehen.
Mehr gezogen als gewollt ging ich nach links zurück in die Schlucht und überquerte
dabei unwegsames, steiniges Gelände. Nach etwa 50 Metern erahnte ich einen
steinigen, kaum sichtbaren Pfad, dem ich folgte. Mein Herz sprang vor Freude und
Dankbarkeit. Weitere 30 m weiter schien der Pfad zu einem Ziegenpfad zu werden,
der in engen Serpentinen abwärts in Richtung Kloster führte. Kaum zu glauben,
aber wahr:
Der Pfad endete tatsächlich hinter dem Kloster am Klosterfriedhof.
Vor dem Kloster fanden wir einen Verkaufsstand, mit herrlichen Früchten.
Zur Stärkung kauften wir die schmackhaftesten getrockneten Feigen, die wir
jemals gegessen haben. Den Bus hatten wir um etwa eine halbe Stunde verpasst,
aber das beunruhigte uns nicht weiter. Wer so wie wir von Gott geführt wurde weiß,
dass seine Führung nicht irgendwo aufhört. Er würde uns sicher zurückbringen.
Da wir nun Zeit genug hatten, besichtigten wir das liebevoll gepflegte Kloster und
die wunderschönen Pflanzen und Blüten darum herum. Gisi meinte wir würden
sicherlich jemanden finden, der uns mit dem Auto zurückbringen könnte und ich
sagte, vielleicht sei es sogar das Ehepaar etwa 30 m vor uns. Gemeinsam mit
diesem bestaunten wir die Schönheit der Blüten und Bäume und kamen so ins
Gespräch. Es waren Deutsche aus Frankfurt-Sindlingen, dem Vorort, in dem ich
14 Jahre gelebt habe und aufgewachsen bin. Der Herr erzählte uns, dass er in der
Gemeinde, in der ich getauft und konfirmiert worden bin, im Kirchenvorstand sei.
Gepriesen sei der Herr für soviel Weitsicht und Güte!!! Pafos lag zwar nicht auf
ihrem Weg, aber großzügig brachten sie uns dorthin zurück. Der Herr segne sie
und er hat es bereits damit getan, indem sie uns weiterhelfen durften. Da sage
keiner, es gäbe heute keine Wunder mehr und Gott sei uns ferne.

