Noch Mensch oder schon Geist? (1. Joh 4,4)
Der Geist, der in euch lebt, ist größer
als der Geist, der die Welt regiert. (1. Joh 4,4)
Hallo Du,
was für eine Überschrift?
Natürlich bin ich noch Mensch,
ein Mensch mit Verstand, Gefühl und eigenem Willen,
der im Leben steht und seinen Lebensweg geht;
einer, der die angenehmen Seiten des Lebens genießt.
Aber doch bin ich auch gleichzeitig Geist,
vergeistigt und vergeistlicht,
losgelöst vom Natürlichen und Weltlichen,
herausgehoben aus dem selbstbezogenen Ich,
unabhängig von Gefühlen, Umständen und eigenem Wollen.
Mein Wesen vereint diese beiden Pole
und meine Gene, Gaben, Begabungen und Fähigkeiten,
meine Persönlichkeit und mein Charakter,
sind Grundlagen der Ausdrucksform von Körper, Geist und Seele.
Die Kernfrage ist:
Auf welcher Seite möchte ich stehen?
Bin ich noch stark in den weltlichen Bezügen verankert
und möchte sie auf keinen Fall aufgeben,
oder möchte ich deren Enge und gesetzmäßige Verstrickung verlassen
und mich auf eine höhere Denk- und Verhaltensebene begeben?
Wer in der Welt verankert ist und sich als Mittelpunkt sieht,
baut auf seine eigene Kraft und sein eigenes Können.
Er möchte seine Wünsche und Vorstellungen vordringlich verwirklicht sehen
und hat als Lebensziel, etwas zu haben oder jemand zu sein.
Er setzt alles daran, dass es ihm gut geht
und möchte diesen Zustand so lange wie möglich erhalten.
Daher kämpft er direkt oder indirekt gegen die anderen,
die das Gleiche wollen wie er.
Er lebt im ständigen Vergleich und Wettbewerb,
um ein schöneres, besseres und größeres Stück vom Lebenskuchen zu erhalten.
Der eigene Wille, sein Ehrgeiz und seine Zielbestimmtheit treiben ihn an,
um sich selbst zu erhöhen, um mehr zu haben als andere,
um sich selbst zu beweisen, um leistungsfähig und erfolgreich zu sein,
um geachtet und wertvoll zu sein!
Er tut dies, weil er unzufrieden ist mit dem, was er hat und was er ist
und weil er andere um das beneidet, was sie haben, er aber nicht.
Er tut dies,
weil er nicht akzeptieren kann,
dass er nur ein ganz normaler Mensch ist,
weil er das Besondere in sich noch nicht entdeckt hat.
Auf diesem Weg setzt er auch Mittel ein,
die nicht immer ehrlich und anständig sind,
um so schneller ans Ziel zu kommen und andere ins Hintertreffen zu bringen.
Er hofft, dass das nicht auffällt, aber wenn doch, dann ist ihm das auch egal,
solange er nur bekommt, was er haben will.
Anstand und Moral sind etwas für die anderen, für die „Faulen und Dummen“,
für die Nichtleistungsfähigen, für die „schwachen“ Menschen.
Er dagegen ist clever, cool, smart, agil, wendig, umtriebig, geschäftstüchtig
und deshalb erfolgreich, eben ein „besserer“ Mensch.
Er glaubt, mehr zu wissen und mehr zu können
und leitet daraus das Recht ab,
dass es ihm zusteht, mehr zu haben und zu sein;
frei, ungebunden und unabhängig zu sein;
sich nehmen zu dürfen, was er zu brauchen glaubt.
Das sind die Wurzeln von Überheblichkeit,
von Stolz, Einbildung, Eitelkeit, Neid, Geiz, Habgier und Hartherzigkeit.
Das sind die Ursachen, die u.a. Abhängigkeit, Sucht und Besessenheit,
Lieblosigkeit, Freudlosigkeit, Unzufriedenheit, Unruhe, Ungeduld,
Unfreundlichkeit, Härte, Aggression, Rücksichtslosigkeit, Untreue,
Selbstmitleid, Disziplinlosigkeit und Gewissenlosigkeit,
letztlich Schlaflosigkeit, Krankheit und sinnlose Leere bewirken.
Wer das nicht will, kann den Weg der Weisheit gehen;
er kann seinen Schwerpunkt in den geistig-geistlichen Bereich verlegen.
Wer diese enge, unruhige Bezugswelt verlassen möchte,
hat verstanden, dass es nicht um das geht,
was Ich habe und was Ich bin,
sondern darum, wer ich bin und durch wen ich bin
und wie ich mit dem Umgehe, was mir vorübergehend gegeben wurde.
Er sieht sich als Teil eines größeren Ganzen.
Er kennt seine Grenzen und weiß,
dass aus eigener Kraft nichts dauerhaft ist.
Er stellt sein eigenes Wollen zurück
und baut auf Ergänzung und Gemeinschaft.
Er setzt alles daran, dass es der Gemeinschaft gut geht
und sucht die Beziehung, die Verbindung mit Gott.
Er regt sich nicht mehr auf,
weil er die höheren Zusammenhänge sieht und versteht.
Er steht über den kleinkarierten Dingen des Lebens
und möchte nur noch das Beste für jeden.
Er hat keine Angst mehr, etwas zu verlieren,
denn er hat das im Leben Wichtigste bereits verloren,
nämlich sein Ego
und damit auch seinen Stolz, seine Eitelkeit und seine Gier.
Er muss nicht mehr
strampeln, rangeln, stöhnen, jammern und schauspielern,
sondern er kann unbesorgt sein Herz öffnen
und andere an seinem Leben teilhaben lassen.
Dadurch verbleiben ihm mehr Kraft und Energie.
Dadurch lebt er in innerem Frieden und mit reinem Herzen.
Dadurch lebt und erlebt er bewusster, dankbarer und verantwortungsvoller.
Dadurch hat er eine wohltuende Ausstrahlung und übernatürliche Autorität.
Dadurch ist er mit Gott verbunden.
Er kann den Menschen
offen, freundlich, friedlich und vorbehaltlos,
echt, geduldig, gelassen, gütig, treu und großzügig,
besonnen, demütig und sanftmütig,
also liebevoll entgegentreten.
Er kann ein untadeliges Leben führen,
zwar nicht fehlerfrei,
aber mit einem geweihten, hingegebenen,
ergebenen und treuem Herzen für Gott.
Und treu ist der,
der seine Zeit damit verbringt, das zu tun,
womit Gott ihn beauftragt hat;
der sein persönliches Kreuz aufnimmt und Jesus handelnd nachfolgt;
der seine menschlichen Gelüste zurücknimmt
und sein Leben, seine Lebenskraft und Lebenszeit einsetzt,
um entsprechend seinen Gaben und Fähigkeiten das zu tun,
was Gott von ihm getan haben möchte;
der den Interessen Gottes dient und nicht seinen eigenen.
Und die Interessen Gottes dienen den Menschen.
Er will sie souverän, ehrlich, frei und weise machen;
er will sie beziehungsfähig und glücklich machen;
er will sie kreativ, produktiv und erfolgreich machen,
zum gegenseitigen und gemeinsamen Vorteil.
Nur der lebt im Geist,
der seinem Geist im Leben auch Ausdruck gibt.
Ein Leben im Geist geschieht
nicht aus dem Verstand heraus, sondern aus dem Herzen;
nicht aus der eigenen Logik, sondern aus der Ergebenheit zu Gott,
und, aus einer tiefen Liebe zur Natur,
zu den Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen,
zu allem was ist, vergeht und wird.
Die Ausdrucksform des geläuterten Geistes ist die Liebe,
verstehend, ermutigend und aufbauend,
erschließend, übergreifend und verbindend.
Was nützt alles Haben, Wissen und Können,
wenn ich es nicht in Liebe für die Gemeinschaft anwende?
Was hilft alle Erfahrung, Erkenntnis und Weisheit,
wenn ich sie nicht mit Liebe in die Gemeinschaft einbringe?
Was bewirkt all mein Denken, Sagen und Tun,
wenn ich es nicht in großzügiger Liebe für die Menschen
und für Gott einsetze?
Die Liebe ist die Grundlage, der Schlüssel und die Verbindung.
„Weisheit ist die Grundlage: Deshalb erwirb Weisheit
und um all deinen Erwerb erwirb Verständnis.
Halte sie hoch, so wird sie dich erhöhen;
sie wird dich ehren, wenn du sie liebst.
Sie wird deinem Haus einen lieblichen Kranz verleihen,
eine prächtige Krone wird sie dir reichen.“
(Sprüche 4,7-9)

