Wer liebt, lässt sich auch kreuzigen
Die Liebe Christi haben wir daran erkannt, dass er sein Leben für uns opferte.
Ebenso müssen auch wir bereit sein, unser Leben für unsere Geschwister
hinzugeben. (1. Joh 3,16, HfA)
Hallo Du,
in unserem christlichen Glauben steht die Liebe im Mittelpunkt.
Im 1. Johannesbrief steht auch:
Das haben wir erkannt, und wir vertrauen fest auf Gottes Liebe. Gott ist Liebe,
und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1Joh 4,16)
Jesus hat unsere Sünden, Fehler und Boshaftigkeiten aus Liebe freiwillig auf sich
genommen und für uns gebüßt, damit wir davon befreit sind, damit wir zu Gott
unserem Schöpfer und himmlischen Vater wie Mutter zurückfinden, damit wir als
seine vollwertigen Töchter und Söhne ohne schlechtes Gewissen vertrauensvoll
mit Bitte und Dank vor ihn treten können, damit wir an seinen Segnungen und
seiner Gnade Anteil unvorbelastet teilhaben, damit wir aus schlechten irdischen
Anhängigkeiten befreit werden, damit wir von Schuldgefühlen erlöst werden,
damit wir in ständiger Verbindung und Beziehung mit ihm bleiben können und
das ewige Leben haben.
Dazu müssen wir nicht viel tun, außer zu erkennen, dass wir ohne ihn nicht gut
zurechtkommen, Fehler machen und im Grunde hilflos sind und die Gemeinschaft
mit ihm, dem weisen und allmächtigen Lenker, deshalb brauchen. Er ist die Liebe
und das Gute, voller Geduld und Erbarmen. Er ist unsere Sehnsucht nach Halt und
Geborgenheit und Sinn und Führung. In Christus ist er Mensch geworden und hat all
unsere Schwierigkeiten selbst durchlebt. Er versteht uns. Er hat Einsehen. Er weiß,
dass wir in unserer engen und begrenzten und selbstbezogenen Sicht nicht wissen
was wir tun und dass unser Denken, Fühlen, Verhalten und Tun überwiegend von
selbstbezogenen Wollen, von Suche nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung
und von eigenem Ermessen geprägt ist.
Was hat das mit uns zu tun? Das, was Jesus Christus am Kreuz für uns getan hat,
ist für gesetzorientierte und gerechtigkeitsgeprägte Menschen nur schwer zu verstehen.
Es ist ungerecht, wenn einer für den anderen leiden muss. Jeder ist sich selbst der
Nächste. Das Individuum geht der Gruppe vor. Wer will schon gerne schuldig sein, wer
für etwas büßen, was er gar nicht getan hat. Wer hat die Größe und Kraft, stellvertretend
für die Schulden anderer zu zahlen und das klaglos hinzunehmen? Wir werden von
Politkern und von Arbeitgebern, oft schlechten Vorbildern, gerne vereinzelt, damit wir
leichter für deren Interessen auszunehmen sind. Wir begegnen bei unseren Nächsten
viel Gleichgültigkeit und Desinteresse und deshalb fällt es uns schwer zu erkennen,
dass Gemeinschaft uns Hilfe und Stütze geben kann und dass wir sie brauchen und
dass sie aus Geben und Annehmen besteht. Liebe braucht andere um wirksam werden
zu können.
Fast jeder hat erkannt, dass man sie sich Liebe nicht einfach nehmen kann. Dann bleibt
sie wirkungslos und das erzeugt nur Streit und böses Blut. Und man kann sich auch nicht
immer nur selbst geben.
Wenige haben erkannt, dass man sie auch nicht einfach geben kann und dann hat man
seine Schuldigkeit getan. Solches Geben wird leicht zum Selbstzweck und verwandelt sich
unmerklich in eine gute Möglichkeit, sich selbst zu dienen.
Das Geheimnis der Liebe ist, dass sie immer ein Angebot und Geschenk ist, das darauf wartet,
angenommen zu werden. Leider aber wird sie nicht immer als solches erkannt und deshalb
oft nicht gewürdigt und angenommen. Da kann man nichts machen, außer - zugewandt
und geduldig und liebevoll zu bleiben und allmählich Vertrauen zu schaffen.
Liebe die nicht angenommen wird, ist die erste Kreuzigung für Liebende. Ihr Geschenk wird
nicht angenommen und sie selbst scheinbare zurückgewiesen. Das ist zu ertragen und die
eigene Reinheit und Selbstlosigkeit zu hinterfragen.
Die zweite Kreuzigung ist, die eigene Ohnmacht anzuerkennen und Gottes Liebe anzunehmen.
Zu erkennen, dass Gott uns so liebt, wie wir sind, doch aus Liebe nicht zulassen kann, dass
wir so bleiben. Er möchte, dass wir sein Potential ausschöpfen, uns von seinem heiligen Geist
verändern lassen und Jesus immer ähnlicher werden, weil wir ihn lieben. Mit Hochmut, Stolz,
Neid, Eifersucht, Lust und Gier kommen wir nicht weiter. Sie müssen sich kreuzigen lassen und
sterben, damit wir gereinigt werden und Leben in Fülle haben. Wir dürfen sie Jesus an Kreuz
bringen, damit er uns davon befreit.
Zum Dritten lassen wir uns kreuzigen, wenn wir das Unrecht anderer an uns schweigend in
Kauf nehmen und damit den Kreislauf von Unrecht, Aggression und Gewalt in Liebe durch-
brechen. Das ist nicht leicht. Dabei erleiden wir durch unsere Liebe oft Gesichtsverlust und
Schmach, andauernde Ablehnung und Verurteilung, Unverständnis, Abwertung, Nachteile
und Ausgrenzung.
Weshalb tun wir so etwas? Weil eine innere Stimme es uns sagt, weil Gegenreaktion zu
nichts führt und die Situationen nur noch schlimmer machen kann, weil damit ermöglicht
wird, dass der andere ohne äußerer Vorwürfe und Bedrückung in sich gehen kann, um
sich dann freiwillig zu verändern.
Ich wurde einmal fälschlich beschuldigt, einer verheirateten Frau aus meinem Hauskreis
an das gemeinsame Emailkonto der Eheleute unverhohlen den Hof gemacht zu haben.
Ihr Mann las die Mail mit Entsetzen und löschte sie sofort wütend. Seine Frau stellte er
zur Rede gestellt, machte ihr Vorwürfe und bat sie um umgehende Konsequenzen.
Eingeschüchtert und erschrocken wurde sie aktiv. Der Vorfall wurde gemeindepublik
gemacht und eine Anhörung mit der Kirchenleitung durchgeführt. Aus langer Verbunden-
heit mit der Frau war ich dabei bereits vorverurteilt und meine Argumente wurden kaum
geglaubt oder gar akzeptiert. Erstaunlicherweise fragte niemand nach der Mail. Ohne sie
waren Verdächtigung und Verurteilung einfacher.
Eine innere Stimme sagte mir, ich solle diesen Trumpf nicht ausspielen und die anderen
damit ins Unrecht setzen. An der heftigen Reaktion des vielbeschäftigten Ehemannes auf
eine allgemein liebevoll geschriebene Mitteilung erkannte ich ein getrübtes Eheverhältnis,
zumal mir in den Hauskreisbesprechungen bei der Frau schon eine besondere Offenheit
und Sympathie auffiel.
An den Vorwürfen war aber tatsächlich nichts dran. Verheirate Frauen sind für mich tabu.
Eine liebevolle Sprache und Umgehensweise war diesem Mann offensichtlich fremd und
verdächtig.
Ich hätte leicht die betreffende Mail vorlegen und so meine Unschuld beweisen können,
doch damit hätte ich die Frau und auch ihren eifersüchtigen Mann bloßgestellt. Indem
ich schwieg und ertrug, also mich kreuzigen ließ, war es für die Eheleute leichter, sich
wieder einander zu nähern. Das hat mir in Folge so manche Ablehnung eingebracht,
doch ich würde es immer wieder genauso tun, aus Liebe und Verantwortung zu meinen
Nächsten.
Zum Vierten kreuzigen wir uns bei der Erziehung unsere Kinder. Manchmal ist dabei
Strenge und Konsequenz nötig. Das führt zu Widerspruch, Widerstand, Unmut,
Unverständnis, Uneinsicht, Motzen und Rebellion. Aus Liebe machen wir uns unbeliebt
und Liebe gibt uns Kraft dazu. Wir wissen: das kommt aus Unwissenheit und Uner-
fahrenheit und es dient dazu, die Grenzen auszuloten und die Konsequenz zu prüfen.
Letztlich vergeht der Unmut und weicht dann in eine vorsichtige Akzeptanz, vieleicht
sogar Einsicht. Meine Kinder haben mich dadurch Achten und Ehren gelernt.
Selten empfanden sie konsequentes Verhalten als Zurückweisung und Ausgrenzung.
Dann fing das heimliche Maulen bei Fremden an. Dabei gab es Anklage, üble Nachrede
und Beschimpfung. Es gab Vergleichen mit Alterskameraden und Mobilisierung von
Fürsprechern. Das machte zusätzlich Gespräche notwendig, aber die begründete
Entscheidung blieb!
Und zuletzt: wer sich kreuzigt, geht für andere unverständliche Wege. Er folgt einer
starken inneren Stimme die oft widersinnig ist. Das Tun entspricht keiner Logik. Man tut
es einfach und geht seinen Weg treu und fest. Nicht, dass man vor der Richtigkeit
überzeugt wäre, solche Gedanken macht man sich nicht. Man tut , was zu tun ist.
Man nimmt persönliche Nachteile in Kauf, weil man weiß, dass diese Wege zur Besinnung
führen. Sie stellen Impulse und Prüfungen für andere da, die sie im besten Fall zur
Umkehr und langfristigen Änderung bringen.
Wer sich kreuzigen lässt, verspürt den Drang, sich zu rechtfertigen, um vor der Welt gut
und unschuldig da zu stehen. Doch er weiß, dass das nichts bringt und zu nichts führt.
Wer kreuzigt will keinen Widerspruch und keine Einsicht. Er ist verblendet und in Rage.
Er will sich abreagieren und den Unbequemen loswerden, diffamieren und vernichten.
Wer sich kreuzigen lässt, muss sich sicher sein Gottes Plan zu erfüllen und aus Liebe zu
handeln. Nur dann hat er die Kraft dazu.
Unser Dienst für Gott ist ein ständiges Sich kreuzen lassen. Wir Christen sind Übungs-
objekte und Punchingbälle für andere. Im Kleinen erleiden wir das Leiden Christi. Darin
erkennen wir die Größe und Selbstlosigkeit unseres Herrn Jesu und achten ihn umso
mehr. Wie er sind auch wir dann Vorbilder. Unser weltlicher Widerstand stirbt, damit
andere zu geistlichen Leben kommen.

