Bescheidung (Spr 15,33)
Den Herrn ernst nehmen, das ist Erziehung zur Weisheit: erst die Bescheidenheit, dann die Ehre. (Spr 15,33; GNB)
Hallo Du,
gestern begegnete mir das Wort 'Bescheidung' als christliche Lebensart. Ich möchte nun wissen, ob es
den Sinn von Bescheidenheit hat bzw. was genau es bedeutet.
Im Bedeutungslexikon finde ich als erste Hinweise die Wortsynonyme Selbstbescheidung, Beschränkung
und Einschränkung.
Das ist mir zu wenig. Ich schlage im Herkunftswörterbuch nach. Da finde ich unter 'bescheiden' zwei Hinweise:
1. Der Wortstamm 'scheiden' in Sinne von trennen kommt aus der mittelalterlichen Rechtssprache in der Bedeutung
von 'zuteilen' oder 'Bescheid geben'. Noch heute wird dieser Sinn benutzen, wenn eine Klage abschlägig beschieden
wird. Genauer gesagt, wenn ein richterlicher Entscheid über Recht belehrt und unterweist. Mit diesem Entscheid
muss man sich bescheiden, zufrieden sein, sich zufrieden geben, sich begnügen.
2. In einer Streitsache lassen wir uns vom Richter etwas bescheiden. Der Richter setzt dann fest, bestimmt und
teilt zu. Die so Beschiedenen mussten sich damit bescheiden, sich das Urteil genügen lassen, sich einsichtsvoll
und verständig zeigen.
Heute wird das Wort überwiegend im Sinne von genügsam, einfach und anspruchslos verwendet. Der Beschiedene
kämpft nicht vor Gericht um sein Recht. Er ist verständig, akzeptiert Gegebenheiten und fügt sich in sein Schicksal.
Weshalb will ich das so genau wissen?
Luther übersetzt 1. Tim 6,6 mit: Die Frömmigkeit aber ist ein großer Gewinn für den, der sich genügen lässt.
Er kannte die heutige Wortbedeutung nicht. Es wäre deshalb völlig falsch, heute Menschen mit einem Appell
zur Genügsamkeit in Einfachheit, Armut, Anspruchslosigkeit oder Unwissenheit gefangen zu halten.
Der Hinweis auf die ursprüngliche richterliche Rechtsprechung weist vielmehr auf das hin, was Gott für uns will:
Gnade in Fülle. Sein Wort annehmen, sich nach ihm richten, ihm gehorsam sein, seine Gerechtigkeit anerkennen,
sich nicht gegen sein Wollen auflehnen, nicht hochmütig ihm gegenüber sein. Bescheidenheit ist: Ohne Stolz sein,
ist: Ehrfurcht vor Gott haben, ist: sich selbst nicht zu überschätzen, ist: nicht anmaßend zu sein, ist: den anderen
mehr zu achten als sich selbst, ist: zuvorkommend zu sein und sich unterordnen zu können.
Bescheidung ist demnach, das Wollen Gottes anzunehmen und sich immer wieder neu in seinen Willen
einzufügen, seinen Weg mit ihm zu gehen und auf seine Weisheit zu bauen.
Daraus erwächst eine Bescheidenheit, die 'sich genügen lässt' an seiner Gnade. Nicht aus mangelndem
Selbstvertrauen, sondern aus geistlicher Überzeugung, aus Abstand zu irdischen Versuchungen und
materiellen Verlockungen. Was ist wirklich wichtig im Leben? Gottes Liebe, Gnade und Führung.
Überhebliche Menschen verabscheuen die Bescheidenheit; genauso verabscheut der Reiche den Armen. (Sir 13,20)
Hält sich jemand unter euch für weise und verständig? Dann soll er zeigen, dass er das auch tatsächlich ist, indem
er ein vorbildliches Leben führt und Dinge tut, die von Weisheit und Bescheidenheit zeugen. (Jak 3,13)

