Warum trifft das gerade mich? (Joh 9,1-4)
Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine
Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass
er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt,
sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist,
die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. (Joh 9,1-4)
Hallo Du,
hast du dich schon einmal gefragt, warum jeder Mensch anders ist, einen anderen Lebensweg
geht, ein anderes Lebensschicksal hat? Liegt das vielleicht an der jeweiligen Einzigartigkeit,
seiner ganz eigenen Mischung aus Genen undErleben und seinem ureigenen Sehen, Bewerten,
Erkennen, Lernen und Bewältigen?
Rückblickend auf mein Leben kann ich sagen: Was auch immer mir geschah, das Leben ging
danach weiter. Ich aber habe mich in dem Geschehen zunehmend verändert. Meine
Lebenserfahrung hat mich verändert, auch die Suche nach Ursachen, die Suche nach
Lösungen und die Suche nach Sinn und Aufgabe im Leben. Geändert haben sich nach und
nach meine Ansichten und Überzeugungen, meine Kraft und Entschiedenheit, meine
Einstellungen, Werte und Ziele. Ich habe mir Ereignisse, Fehler und Schicksalsschläge zu
Herzen genommen, darüber nachgedacht, darüber gelesen oder mit anderen darüber
gesprochen. Heute, nachdem ich Christ geworden bin, bewerte ich mein Leben, Erleben und
Sein im Lichte Jesu, am Willen Gottes, an den Lehren der Bibel. Meine Erkenntnis daraus ist:
Es geht im Leben nicht darum, ob wir etwas richtig oder falsch machen, ob wir sündigen und
Schuld auf uns laden, ob wir einen breiten oder schmalen Weg gehen. Es geht deswegen
nicht darum, weil das menschlich ist. Wir können nicht anders.
Wir alle sind seit der Geburt unerfahren und deswegen blind. Wir können noch so viel
Wissen anhäufen: Gemessen an den Geheimnissen des Geschehens und dessen
Zusammenhängen bleibt es winzig. Deswegen gehen wir ja abenteuerliche Wege. Wir wollen
darauf dazuzulernen. Um zu überleben müssen wir wissen, was uns guttut oder schadet.
Ganz auf uns gestellt sind Versuch, Irrtum und Gefühl unsere einzigen Wegweiser. Erfahrung
kann uns Entscheidungshilfe geben, doch die weist meist uns nur die ungefähre Richtung.
Schön wäre es, unterwegs Hinweisschilder zu finden oder Ortskundige befragen zu können
oder einen hohen Berg am Horizont oder einem Leitstern am Himmel zur Orientierung zu
haben. Das Beste aber wäre, jemanden zu haben, der mich kennt und der sich überall
auskennt, der mit mir geht und mich den rechten Weg führt.
Auf unserem Lebensweg geschehen Ereignisse, die wir nicht verschuldet haben, die wir uns
nicht erklären können, die uns aber beschäftigen. Und wir stellen uns zwangsläufig die Frage:
'Warum trifft das gerade mich?' Warum also? Wahrscheinlich dafür, damit ich mich damit
beschäftige, damit ich mich hinterfrage und zu der Einsicht komme, dass ich es einfach nicht
verstehen kann (und soll), dass ich einen Ortskundigen brauche. Vielleicht erkenne ich dann,
dass ich schon jemanden habe, der mich begleitet, den ich fragen kann und der die
Antworten kennt. Und auch, dass der Rücksicht auf meine Begrenztheit nimmt und mir nur
das zu erkennen gibt, was ich gerade benötige und verstehen kann, nämlich in welche
Richtung der nächste Schritt geht. Wenn mich jemand führt, muss ich nicht Fragen, ihm nur
folgen, dann sehe und erlebe ich alle Antworten. Wenn mich jemand begleitet, dann kann
ich auch jederzeit mit ihm reden, mich mit ihm austauschen, mich dabei schlau machen,
mich an ihm neu orientieren. So ein jemand sollte nicht nur mich begleiten, sondern jeden
anderen auch. Das aber kann kein Mensch, nur Gott kann es. Er steht über Raum und Zeit.
Er ist gleichzeitig überall und bei jedem. Seine Weisheit und Liebe ist allumfassend. Sein
Wort ist gleichzeitig in vielen Köpfen und Herzen. Sein Geist und Licht leuchtet bei Tag und
Nacht in jede Dunkelheit.
Ich habe gelernt, über alle meine Geschehnisse mit Gott zu sprechen. Sei es eine rote Ampel
oder ein freier Parkplatz, eine Begegnung oder ein Erlebnis, eine Erkenntnis oder eine
aktuelle Frage, sei es Schmerz, Trauer, Freude oder Unklarheit.
Durch das, was mir widerfährt finde ich Anlass, Gott dafür zu danken, mein Leben, Denken
und Tun zu überdenken, mich noch enger an Gott zu binden, meine Not, meine Trauer, mein
Klagen, Jubeln, Bekennen und Erfreuen vor ihn zu bringen.
Wozu geschieht mir, was geschieht? Doch deshalb, um mein Sein, mein Empfinden und mein
Befinden darin Gott mitzuteilen. Dazu sind die Ereignisse da. Hätte ich Gott nicht, dann
würde ich sie doch einem Mitmenschen erzählen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund
über. Wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus! Wie der Mensch in seinem Herzen
denkt, so redet er.
Jeder Mensch ist anders, einzigartig und jeder hat mit Gott einen eigenen Weg. Die
Geschehnisse, Ereignisse, Nöte, etc. widerfahren uns, damit jeder seinen eigenen Weg mit
Gott geht. Kein Jammern, kein Vergleichen, kein Verzagen, sondern das Gespräch mit ihm
wagen: sich mit ihm beraten, sich an ihn orientieren, sich von ihm durch Wort und Geist
führen lassen, besonders in schweren Zeiten. Was mir geschieht, ist gerade für mich.
'Hallo du', ist meine Anrede an euch, ist auch Gottes Anrede für uns. Wir sagen zu ihm 'Du',
'Vater', 'Abba' oder 'Papa'. Das zeigt Vertrautheit und liebevolle Beziehung. Gott sagt auch:
"Fürchte dich nicht!" und auch "Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Es ist allezeit mit uns!
Wir fürchten uns, vor Gefahr, Krankheit, Not, Leid oder Tod; auch wenn wir unsicher sind,
den Halt verlieren oder, nicht wissen, was auf uns zukommt, was wir tun sollen und wie es
weitergeht. Jeder fürchtet sich davor, dass es gerade ihn trifft. Indirekt heißt das: 'Es treffe
besser jemand anderen.' Aber das wollen wir gar nicht. Besser, es treffe niemanden!
Das aber wäre schlecht für jeden, denn gerade in Not und Leid werden wir gottoffen, such-,
lern-, gesprächs- und veränderungsbereit. Dann sind wir besonders auf Gott angewiesen.
Gerade dann brauchen wir Gemeinschaft mit ihm, das Gespräch mit ihm, das Beispiel Jesu,
das Gebet, das Bitten, das Danken und das Ihn ehren.
In der Auseinandersetzung mit unserem Geschehen werden wir uns unserer menschlichen
Begrenzung bewusst und verhalten uns demgemäß angemessen und sinnvoll, liebevoll
hoffend und vertrauend. In der Auseinandersetzung mit ihm werden wir verändert und das
Wirken Gottes an uns wird offenbar. Solange es Tag ist, solange wir noch leben, solange das
Licht Jesu in uns ist, sollen wir die Werke, die Aufgaben, den Auftrag Gottes vollbringen. Das
geht nur, wenn wir mit ihm im Gespräch und in Verbindung sind und bleiben.

