Liebe trägt keinem etwas nach! (Lk 23,34)
Hallo Du,
Menschen machen Fehler! Verletzen andere meist nicht vorsätzlich. Immer wieder. Trotz
bester Vorsätze. Auch ich. Auch du. Weshalb? Wir wissen es nicht besser. Wir können nicht
anders. Wir sind nicht vollkommen und werden es in unserem irischen Leben auch nie sein.
Deswegen sind wir immer wieder auf Vergebung angewiesen, auf das aktive Vergeben von
anderen und auch darauf, sich selbst zu vergeben und eigene Fehler einzugestehen. Dabei
vergibt man sich nichts! Dabei verliert man nichts! Oder vielleicht doch? Wenn ja, dann
vielleicht Hochmut und Stolz. Vielleicht auch Verhärtung und Verbitterung oder Vorbehalte,
Lieblosigkeit und schlechte Laune. Aber: Wer braucht die schon? Gerade die sind doch die
Ursachen für weitere Fehleinstellungen und Fehler, für weiteren Unmut und Ärger.
Jemandem etwas nachzutragen, ist anstrengend und mühevoll. Wer das tut, trägt dabei
schwere Lasten und Belastungen. Nicht zu vergeben, ist eine Fessel, eine Geißel, eine
unerträglich lähmende Dauerlast, sich selbst auferlegt und aufgeladen. Eine Frau, die auf
ihren Mann richtig sauer war, sagte mir einmal in ihrer Wut: ‚Ich will ihm aber noch böse
sein. Der soll das spüren!‘ Nur, der wusste gar nichts davon. Sie hatten sich bereits
getrennt. Oh ja, ich kenne das auch: Zu vergeben, kostet Überwindung.
Von Herzen zu vergeben, befreit und weitet! Zu vergeben, entbindet und entlastet!
Zu vergeben, erneuert die eigene Liebesfähigkeit und Liebeswürdigkeit und setzt neue
Kräfte frei. Zu vergeben, ermöglicht Neubeginn und erneut zu vertrauen. Ohne Vertrauen
ist das Leben eine Qual.
Wer am eigenen Leib schon einmal Vergebung und Entlastung durch einen geschätzten
Mitmenschen erlebte, der kennt die unfassbare Erleichterung, Befreiung und Dankbarkeit,
die das auslöst. Der kennt auch die eigene Zufriedenheit über die wiederhergestellte
Verbindung.
Ja: Zu vergeben, bedarf innerer Größe und die wächst in eigener Not, in selbsterfahrener
und wiederhergestellter eigener Liebe. Man sagt: ‚Die Zeit heilt alle Wunden‘. Und man sagt
auch: ‚Kommt Zeit, kommt Rat‘. Das kann ganz schön schwierig sein, besonders, wenn die
Zeit sich Zeit lässt und die Wunden weiter bluten und schmerzen.
Leider vergeben Menschen ungern, weil sie glauben, ihre Wut gäbe ihnen Stärke und
Macht. Vielleicht ist das vorübergehend so, aber Wut kostet hauptsächlich Kraft. Und sie
führt langfristig in Verbitterung und Isolation.
Für Mütter und Väter ist es selbstverständlich, den eigenen Kindern evtl. Entgleisungen aus
Liebe zu vergeben. Da ist es normal. Das Familienleben geht danach bereinigt weiter.
Auch Gott, unser Schöpfervater, vergibt seinen Geschöpfen, seinen Kindern, gerne und
schnell, wenn man ihm im Gebet seine Fehler beichtet und sie bereut. Er ist durch und
durch Liebe. Seine Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich
nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen
Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht,
wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in
jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. Seine Liebe vergeht niemals.
Wieder einmal stehen Karfreitag und Ostern vor der Tür und wir werden daran erinnert:
Jesus Christus, Gottes Sohn, hat unsere Schuld auf sich genommen und ist für unsere Fehler
gestorben, damit uns vergeben wird, damit wir wieder mit Gott und mit uns ins Reine
kommen, damit wir einen Neuanfang in liebevoller Verbindung mit Gott und mit unseren
Mitmenschen finden, auch mit denen, auf die wir noch irgendwie sauer sind. Nicht wir
müssen uns überwinden, sondern Jesus hat sich für uns überwunden. Er hat unsere
Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. (Jes 43,4; EU)
Seine Liebe zu uns gibt uns die Kraft, von ihm echtes lieben zu lernen und verfahrene
Beziehungen neu zu beginnen! Kurz vor seinem Sterben bittet er Gott: ‘Vater, vergib ihnen,
denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ (Lk 23,34; NGÜ)
Ehrlich gesagt: Ich weiß oft auch nicht weshalb ich etwas tue und deswegen bin ich dankbar
dafür, dass er mir mit seiner Liebe nicht nur Verständnis für mich und andere schenkt,
sondern dass er sich auch bei Gott für Vergebung für uns alle einsetzt. Mehr noch, er
erleidet Qualen und gibt sein Leben, damit uns vergeben wird und ist.
Ich habe seine Vergebung vor Langem gerne angenommen und erkenne deren Bedeutung
für mein Leben immer mehr. Sein Sterben, das ist Größe! Und seine Liebe ist Größe! Er zeigt
uns, was wahre, selbstlose Liebe vermag. Auch deine und meine.
Amen.

