
Eschborn, den 20.04.2022
Wie geht es dir? (2.Tim 1,10)
Hallo Du,
oft frage ich Menschen, denen ich begegne:
‚Wie geht es dir?‘ Oder: ‚Geht es dir gut?‘
Und das ist für mich keine Höflichkeitsfloskel,
sondern es ist ernsthaftes Interesse.
Meine Nächsten - sind mir nahe.
Ich teile das Leben mit ihnen.
Wir erleben gemeinsam.
Ich nehme sie wahr als Mit-Menschen,
als Wegbegleiter und als Lebens-Partner*innen,
nicht nur oberflächlich oder vordergründig,
sondern einfühlsam und anteilnehmend.
Es ist mir wichtig zu erfahren, wie sie sind,
was sie empfinden und wie sie Denken und Fühlen.
Auch, ob sie Zuwendung und Beistand brauchen.
Und auch, wie sie, ihr Leben meistern.
Nun hat eine gute Bekannte mich per WhatsApp gefragt:
‚Wie geht es dir?‘ und mir fällt auf wie schwer es ist,
diese Frage kurz und ehrlich zu beantworten,
ganz besonders dann, wenn ich genügend Zeit für eine Antwort habe.
Im direkten Gespräch reicht oft eine zusammenfassende Kurzform
wie bspw.: ‚gut‘ ‚schlecht‘ ‚so lala‘ oder ‚wie immer‘,
aber die verbergen mehr, als sie preisgeben, als sie mit-teilen.
Mir geht es so, dass ich auf diese Frage die Antwort gar nicht weiß.
Darüber denke ich normalerweise nicht nach.
Um sie zu finden, muss ich erst in mich gehen, das Analyseprogramm
starten, die einzelnen Ergebnisse prüfen und dann auch noch
verständliche Worte für das neubewusste Jetzt finden.
Das ist kompliziert und im Vorübergehen nicht zu schaffen.
Dazu braucht es Muße, Besinnung und Vertraulichkeit,
Gelegenheit, gemeinsame Zeit, Entspanntheit und Gelassenheit.
Für die WhatsApp – Antwort nehme ich mir Zeit, mich zu ergründen,
zutreffende Antworten zu finden und sie in verständliche Worte
zu fassen.
Mich überrascht die Vielschichtig meines gegenwärtigen Befindens
und ich weiß nicht, ob ich eine Stunde später noch zu dem gleichen
Ergebnis komme.
Und vor der Antwort ich frage mich auch, ob und wem gegenüber ich
bereit bin, mein Befinden offen, ehrlich und ausführlich kundzutun
und deren vielleicht nur höfliche Frage als Zeit- und Mitfühlangebot
zu erkennen?
Doch Liebe, Vertrauen und Spontaneität kennen solche Vorbehalte
nicht. Sie geben, lassen zu, beziehen ein, verbinden.
Meine Antwort ist also ehrlich, differenziert und trotzdem noch kurz:
‚Immer wenn ich mich mit Gott eng verbunden weiß,
z.B. im Gebet, im Liebe geben in jeglicher Form,
z.B. im Schreiben von Gedichten und Texten oder in der Meditation,
dann bin ich zeitlos, glücklich und zufrieden.‘
Doch ich bin nicht nur Geist, sondern auch Körper und Seele.
‚Meine Seele weint betroffen im Angesicht der Lieblosigkeiten
und Grausamkeiten, die nicht nur im Krieg in der Ukraine,
sondern auch anderswo und auch unter uns geschehen.
Und mir wird auch die Endlichkeit meiner Zeit und meines Körpers
deutlich. Ich akzeptiere das Geschehen, aber es erschreckt mich
trotzdem und gleichzeitig lässt es mich auch auf die körperliche
Erlösung aus der Gegenwart hoffen.
Ich fließe dem Übergang entgegen und weiß mich dabei begleitet.
Als unvollkommener und vergänglicher Mensch kann ich jeden Tag
neu singen: ‚Oh happy Day‘! Gott sei Dank.‘

