Was macht mich reich? (Ps 16,6)
Hallo Du,
damals, als hungerndes Kind in der Armut der Nachkriegszeit groß geworden, wünschte
ich mir, dieser Armut zu entfliehen! Besonders nagend war der Hunger in der Schule,
denn in die gingen meine Schwester und ich ohne Frühstück und ohne Pausenbrot.
Ich wollte reich werden, um genug zu essen zu haben. Vielleicht so superreich wie der
Apotheker, der sogar ein Auto hatte.
Glücklich war ich, wenn Frauen aus der Nachbarschaft mir mal einen Apfel schenkten
oder eine Scheibe Brot, manchmal sogar mit Belag. Und zweimal bekamen wir ein
Care-Paket mit Kaugummi, Milchpulver und Mehl für Pfannkuchen und sogar mit
Cornedbeef in der Dose. Das war Luxus pur.
Später im Gymnasium, gab es dann die Schulmilch und auch die Aktion Schulsparen.
Wir konnten Wertmarken für 10 oder 50 Pfennig kaufen oder auch für eine Mark und
die dann in ein Faltblatt der Sparkasse einkleben. Wenn das Blatt voll war, ungefähr
nach 20 Marken, musste man zur Sparkasse gehen und die schrieb dann den Wert auf
einem Sparbuch gut. Nur einmal konnte ich mir eine 50- Pfennigmarke leisten, doch ich
habe mir dann lieber fünf 10-Pfennigmarken genommen, damit das Blatt schneller voll
wurde.
Weit habe ich es dabei aber nicht gebracht, mein Sparziel war 10 DM. Doch bereits
dieser Betrag weckte Träume. In Mathematik lernten wir gerade die Zins- und
Zinseszinsrechnung kennen und ich errechnete mir, wieviel diese 10 Mark bei einem
Zinssatz von 3 % mit Zinseszins in den kommenden Jahren erbringen würde. Das war
zunächst nicht besonders viel und für mich auch enttäuschend, aber nach 100 Jahren
sollte sich das für meine Kinder und Kindeskinder lohnen.
(Als ich das Sparbuch dann rund 50 Jahre später in einer Umzugskiste entdeckte und mir
den ersparten ‚Reichtum‘ bei der Sparkasse abholen wollte, verweigerte die mir die
Auszahlung, weil das Sparbuch angeblich nicht mehr gültig sei. Damals kannte ich die
Bibel noch nicht und auch nicht die betrügerische Gier in er Welt.)
Je älter ich wurde, desto stärker wurde der Wunsch, ‚reich‘ zu werden. Ab 16 ging ich in
den Ferien arbeiten. Nicht mehr waren das Essen oder ein Auto meine Ziele, sondern ich
sparte jetzt für ein eigenes Grundstück, die Grundlage für ein späteres Zuhause mit einer
eigenen Familie. Immer wieder berechnete ich die Anzahl der Quadratmeter, die ich
schon zusammengespart hatte, doch Inflation und Preissteigerungen ließen die
ersparten Quadratmeter zwischendurch immer wieder sinken.
Aus der Nachkriegsarmut heraus, wurde ich zum Jäger nach Wohlstand und zum
Gefangenen meiner eigenen Ziele und dadurch auch indirekt zum Mittäter der staatlich
geförderten, aber schädigenden Leistungsgesellschaft. Ohne es zu bemerken wurden ich
zum Sklaven des Molochs ‚Geld‘, der mich vereinnahmte, in die Pflicht nahm und von
etlichen Lebensfreuden fernhielt.
Nachträglich erkenne ich mein völlig falsches Lebensbild. Reichtum befriedigt nicht! Geld
adelt nicht. Wer dem nachjagt, will immer mehr. Und wer viel hat, der wird auch noch
zur Melkkuh von anderen Gier-Gejagten.
Geld kann man nicht essen. Es stillt auch keinen Lebenshunger. Geld hat keinen
tatsächlichen Lebenswert. Den, hat nur das Leben und das Erleben in liebevoller
Gemeinschaft. Wohl dem, der gerade genug zum Leben hat.
Ausgegebenes Geld verfällt nicht mehr und kann auch nicht mehr gestohlen werden.
Es wurde in den Lebensgrundbedarf und in Lebensfreude investiert.
Wie weise die Bibel doch ist:
»Häuft in dieser Welt keine Reichtümer an! Sie werden nur von Motten und Rost
zerfressen oder von Einbrechern gestohlen! Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel,
die unvergänglich sind und die kein Dieb mitnehmen kann. Wo nämlich euer Schatz ist,
da wird auch euer Herz sein.« (Mt 6,19-21; HfA)
Ja, wer viel hat, von dem wollen viele etwas haben, legal oder illegal. An dem, wird
genagt und gezerrt, der wird gejagt. Der ist wirklich arm dran. Reich ist nicht der, der
viel hat oder der viel kann, sondern der, der liebevoll ist und sich am Leben erfreut;
der sich mit anderen freut; der mit dem was er hat, zufrieden ist.
Das ist weitreichende Lebenserfahrung.
Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die
Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine
Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Leichter geht ein Kamel durch
ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Mk 10, 23-25; EU)
Diese Lebenserfahrung bestätigt sich auch in folgendem Psalm-Vers:
Was du [Gott] mir für mein Leben geschenkt hast, [deine Liebe], ist wie ein fruchtbares
Stück Land, das mich glücklich macht. Ja, ein schönes Erbteil hast du mir gegeben!
(Ps 16,6; NGÜ)

