Der Faktor Mensch
Viele Menschen betonen, wie freundlich und zuverlässig sie sind; aber wo findet man einen, auf den man sich wirklich verlassen kann? (Spr 20,6)
Hallo Du,
hast du schon einmal erlebt, dass auf Menschen, denen du vertraust und die dir nahe stehen kein Verlass ist, dass sie dich in deiner Not im Regen stehen lassen, dass ihnen die Verbundenheit mit dir nicht so wichtig ist wie ihre eigenen Angelegenheiten, dass sie nicht zu dir stehen, weil sie dir nicht vertrauen oder dich nicht verstehen oder sie deine Seelennot nicht interessiert oder man ihnen eine Belastung ist?
Ich habe das jetzt von 'eigenen Zeugen' in einem Prozess hautnah erlebt. Und es hat mich fasziniert und enttäuscht. Aber wie ich jetzt erkenne, habe ich mich getäuscht. Ich dachte, eine ehrliche Unterstützung sei möglich. Jetzt aber erkenne ich, dass Menschen die aus ihrer Ängstlichkeit, Befangenheit oder Selbstbezogenheit gar nicht möglich ist. Die erlebte und irritierende Oberflächlichkeit ist völlig normal und menschlich. Jeder ist sich selbst der Nächste und jede Wahrnehmung ist subjektiv getrübt und unterbewusst verändert. Menschen sind nicht objektiv. Jeder denkt und sieht, was er für richtig hält. So gesehen ist jeder Mensch mit seinem eigenen Wollen und seinen eigenen Zielen unbewusst ein kreativer Störfaktor für sich und andere. Wir sollten nicht auf andere hoffen oder bauen und auch nicht auf uns selbst, denn
auch die eigne Wahrnehmung ist getrübt.
Dies möchte ich am obigen Bild erläutern:
Objektiv gesehen besteht es nur aus schwarzen und weißen Streifen, die in einer gewissen Form auf ein zweidimensionales Papier gemalt sind. Doch was sehen wir?
Wir sehen etwas, was gar nicht da ist, ein räumliches Gebilde, eine Säule zwischen Hintergrund und Vordergrund. Und nicht nur das. Sehen wir vom Bild auf die weiße Fläche daneben, dann sehen wir sogar Linien, wo gar keine sind. Wie kann das sein?
Unser Gehirn täuscht uns. Was wir mit den Augen sehen, wird erst im Gehirn zu einem 'verständlichen' Bild geformt. Es wird etwas aus der eigenen Erfahrung dazugefügt, damit es für das Gehirn verständlich und sinnvoll wird. Genauso ist es mit dem, was wir hören oder erleben. Unsere Informationen sind immer bruchstückhaft und unzureichend und deshalb ergänzt unser Gehirn das Fehlende mit eigenen, sachfremden Elementen, damit uns der Zusammenhang verständlich und erklärbar wird. Und da jeder aus der eigenen Erfahrung andere Elemente zufügt, machen Zeugen zum gleichen Sachverhalt oft teilweise völlig unterschiedliche Aussagen.
Deshalb: Wer vor Gericht angeklagt wird ist immer der Dumme. Anstand und Fairness scheint es selbst vor Gericht nicht mehr zu geben. Ehrlichkeit wird lächerlich gemacht und die Wahrheit interessiert keinen. Stattdessen werden ehrliche Aussagen selbst vom Richter als Behauptungen abgetan und schriftliche Belege nicht als Beweis anerkannt, sondern als gefälscht zum eigenen Vorteil abgelehnt. Manche Rechtsanwälte haben keine Berufsehre.
Durch Verdächtigungen, Anschuldigungen, Unterstellungen und versteckte Andeutungen bringen sie den Beschuldigten in Misskredit und stempeln ihn als Lügner ab. Beweise dafür werden von ihnen nicht verlangt. Eine starre Verhandlungsform unterbindet zeitnahe Richtigstellungen.
Es scheint so, als hätte der Angeklagte in unserem Rechtssystem keine Chance. Man ist der Gier des Klägers und der Willkür subjektiv gestalteter Wahrnehmung und Wahrheit der Beteiligten ausgeliefert. Der Gewiefte, Dreiste, Verantwortungslose gewinnt. Und jedes Mal werden dabei Anstand und Ehrlichkeit erneut ans Kreuz genagelt. Obwohl ich ehrlich war, stehe ich nun als
Lügner da. Das empfinde ich als sehr schlimm.
Wie mag sich damals Jesus gefühlt haben, als er zu Unrecht misshandelt und aus Kalkül zum Tode verurteilt wurde?
Die Bibel ist ein guter Menschenkenner. Der Psalmbeter betet in Psalm 60,13:
HERR, rette du uns vor den Feinden! Denn wer sich auf Menschen verlässt, der ist verlassen!
Aber sie sagt auch:
Freu dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt. (Pred 7,14)
Und:
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. (Röm 8,28)
Das lässt hoffen!

