Sich von Fesseln befreien
Hallo Du,
irgendwie fühle ich mich angebunden,
festgebunden an eine unsichtbare Wand,
eingebunden in etwas, was mich hemmt
und das wie ein Stein auf meiner Seele lastet.
Etwas, das mich unfrei macht,
das zu tun, was ich gerne tun würde,
das mich blockiert, mich zu freuen
und das Leben in vollen Zügen zu genießen.
Ich versuche immer wieder davon freizukommen,
den Fesseln zu entfliehen,
mich selbst zu befreien,
das zu tun, was ich möchte,
aber es gelingt nicht wirklich und nicht dauerhaft.
Ich falle immer wieder zurück
in den Kerker der Befangenheit und Traurigkeit,
der (Selbst-)Beschränkung und Freudlosigkeit.
Ich spüre,
dass diese Fesseln in mir sind,
dass ich sie entdecken und aufdecken möchte,
dass ich sie lösen und mich davon lösen möchte,
dass ich sie verstehen und loswerden möchte.
Ich ahne,
dass ich mich selbst vom Sein abhalte,
vom so sein, wie ich bin und wie ich sein könnte und möchte.
Ich möchte ganz natürlich sein,
mich spielend, lachend und bewegend,
fröhlich und froh, lebendig und wissbegierig im Leben sehen,
in offenem, ungezwungenen Kontakt zu anderen.
Ich möchte aus mir heraus- und auf andere zugehen können.
Ich möchte am Leben und der Gemeinschaft teilhaben
und darin willkommen sein.
Ich empfinde,
dass es Menschen gibt, die mich stärker einengen als andere,
von denen ich mich bedroht und übergangen,
- nicht berücksichtigt – fühle und die ich deshalb ablehne,
gegen die ich kämpfe, ohne gewinnen zu können.
Menschen, die sich über mich wundern,
weil sie nicht verstehen, warum ich mich so verhalte.
Ich wusste es bis vor kurzem selbst nicht.
Es stört mich, wenn ich Menschen treffe,
die so tun, als würde ihnen die Welt gehören
und die sich daraus nehmen, was sie wollen.
Menschen die glauben, sich über alles hinwegsetzen zu können
und andere für ihre Interessen einspannen zu können;
Menschen, die mich zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen wollen.
Ja, es gab einen solchen Menschen in meinem frühen Leben,
meinen Stiefvater, gegen den ich ohnmächtig war,
der mich schlug und verprügelte,
der mich quälte und verängstigte,
der mich unterdrückte und ausnutzte,
der mich ständig bedrohte, einengte, verunsicherte und ausschloss,
der mir Zuwendung, Zuneigung, Bestätigung und Liebe vorenthielt
und von Wohlverhalten und Unterstützung abhängig machte,
der mich indirekt zwang,
meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen oder zu unterdrücken,
um seinem unberechenbaren Unmut und Zorn zu entgehen,
der mich lehrte, mich zurückzuziehen und durch Vermeidung und Entzug zu überleben.
Ich habe mich innerlich
immer wieder mit diesem Menschen auseinandergesetzt
und habe erkannt, dass er selbst bemitleidenswert war.
Er hat mich und andere gepeinigt,
um mit sich selbst ins Reine zu kommen,
um seine Kriegsverletzung zu verdrängen,
um seine Verbitterung und Enttäuschung auszudrücken,
um seinen Weltschmerz an anderen auszulassen
und um aus seinem Selbstmitleid immer wieder auszubrechen.
Er ist mittlerweile gestorben und ich bin erwachsen,
aber seine und meine Fesseln sind mir geblieben.
Ich erkenne nun,
dass meine unterdrückten Gefühle und Wünsche,
dass meine verdrängten Bedürfnisse und Aggressionen,
mein, dem ‚Zorn entgehen’ wollendes, vermeidendes Selbst,
mich gefesselt hat und immer noch fesselt.
Ich selbst versage mir etwas, obwohl keine Bedrohung mehr vorliegt.
Impulsiv drängt es mich zu spontaner Befreiung,
zum Nachholen des Versäumten,
zum Ausleben meiner Gefühle und Bedürfnisse;
und doch hemmt mich die Angst,
andere dabei zu übergehen und zu verletzen
und weit über das Ziel hinauszuschießen.

