Auf dem falschen Dampfer (Röm 8,13)
„Heute Nacht habe ich schlecht geträumt. Ich war spazieren und es fing an zu regnen.
So ein Mist. Ich hatte keinen Regenschirm. Also eile ich zurück nachhause. Mist.
Jemand hat mir die Hauswand vollgesprüht. Ich lese: „Du hast einen Vogel!“
Nein, habe ich nicht! Mein Sohn hatte mal einen Wellensittich, der hatte viel Dreck gemacht.
Ich fühle mich mies, müde, verwirrt und genervt. Es ist schon hell. Schlaftrunken setze ich
mich auf, um ins Bad zu gehen. Mein linker Fuß berührt den Boden zuerst. Mist! Ich verspüre
ein inneres Ziehen. Na, das kann ja heiter werden.
Ganz vorsichtig wanke ich ins Bad, stoße mir unterwegs an der Tür ein Knie an (Mist!) und
brauche so, statt normalerweise 11 Schritten, heute 13. Mist!
Ich schaue in den Spiegel, ob ich einen Vogel sehe, sehe aber hauptsächlich ein paar alte
Flecken von Wasser, Seife und Zahnpasta. Dazwischen keinen komischen Vogel, nur mich.
Ich will die unschönen Tupfer vom Spiegelglas entfernen und greife zur Schublade, um ein
Tuch herauszuholen und - verstauche mir dabei einen Finger. Mist!
Ich wische damit fest über den Spiegel, aber die Spritzer bleiben. Mist. Ich reibe fester und
verstauche mir dabei das Handgelenk. Mist. Nun putze ich mir mit meiner tollen
Elektrozahnbürste die Zähne. Und plötzlich ist der Akku leer. Mist. Dann wasche ich mich
und Seifenlauge läuft mir ins Auge. Ich taste nach dem Handtuch. Dabei stoße ich den
Zahnputzbecher um. Mist. Doch nicht, er ist zum Glück aus Plastik. Oh doch, er fällt auf den
Boden. Mist!! Wo ist das Handtuch? Ich fasse es, trockne das Gesicht ab, wässere die Augen
und kann endlich wieder sehen. Alles ist nass. Der Boden ist glatt. So ein Mist.
Nun hole ich aus einem Unterschrank den Putzlappen und stoße mir dabei am Waschbecken
den Kopf an. Mist. Benommen gehe ich auf die Knie. Wische mit der rechten Hand das
Wasser auf und halte die linke Hand abwehrend über mich, damit mir nicht auch noch der
Himmel auf den Kopf fällt.
Endlich geschafft. Langsam und vorsichtig krabble ich auf allen Vieren zurück ins Schlaf-
zimmer, mache einen Bogen um die blöde Tür und ziehe mir enttäuscht die Jesus-Latschen
von den Füßen. Die haben mir auch nicht geholfen. Langsam, niedergeschlagen und
deprimiert, verkrieche ich mich unter die Decke zurück ins Bett. Mist, es ist kalt geworden.
Mal wieder kein guter Tag. Mir fällt ein: Heute ist ja der 13. Mai. Kein Wunder. Das Joggen
verschieb ich lieber auf Morgen. Kann es noch schlimmer kommen?
Oh ja! Mist!!! Morgen ist Muttertag. Muttern besuchen, freundlich tun, lächeln, Gerede,
gedrückt und abgeküsst werden. Besser, ich geh nicht hin, bleibe lieber im Bett, denn: Wer
nichts macht, macht auch nichts verkehrt – oder so.
Natürlich kann ich nicht schlafen. Die beschmierte Wand geht mir nicht aus dem Kopf. Was
will der Traum mir zeigen?
Um mich abzulenken, greife ich zum ungelesenen Leihbuch neben mir. Es hat den
auffordernden Titel: Symplify your life - Vereinfache dein Leben. Ich schlage es irgendwo auf
und lese überrascht: „Reg dich nicht auf!“ ‚Na du hast gut reden.‘
Ein Zettel fällt aus dem Buch. Auf der einen Seite steht in schönster Handschrift: Seid allezeit
fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in
Christus Jesus für euch. (1. Thess 5,16-18) - Ha! Ha! Allezeit fröhlich?
Auf der Rückseite steht:
Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest.
Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist,
entfällt auch der Mut.
Also gut, am Montag werde ich fröhlich zur Arbeit gehen, fleißig sein und gute Werke tun.
Ich werde meinen immer schlecht gelaunten Kollegen Fischer freundlich begrüßen. Ich
werde Frau Müller diesmal nicht aus dem Weg gehen, dem Chef ein Kompliment machen
und freiwillig für alle Kaffee kochen. Ich werde einen Tag lang nicht über andere lästern und
wieder mal großzügig über meine Mängel hinwegsehen. Und, ich verspreche hoch und
heilig: An Pfingsten gehe ich vielleicht mal wieder in die Kirche. Und: Heute sage ich nicht
mehr ‚Mist‘.
Ich bin gespannt, was jetzt passiert. Vielleicht reißt ja meine Pechsträhne. Vielleicht kann ich
das Schicksal so erweichen.
Ich muss zur Toilette. Auf dem stillen Örtchen erkenne ich dann: So kann es nicht
weitergehen! Mein Leben ist keins. Es kommt mir vor, als würde ich jeden Tag ein bisschen
mehr sterben, als würde ich nach und nach dem Leben absterben. So ein M…! Ohne Liebe ist
halt alles nichts!
Zurück am Arbeitsplatz, finde ich ein Memo von Christel. Sie schreibt mir:
Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen. Der HERR
züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis. (Ps 118,17-18)
Ja, ja, die Christel. Sie hat eine ganz andere Lebenseinstellung. Sie sieht immer alles positiv.
Sie hält alles für bedeutsam, für helfende Hinweise. Sie ist eben eine liebenswürdige und
einfühlsame Kollegin. Weshalb nur, denkt sie so viel an andere?
Bestimmen vielleicht mein Denken und meine Lebenseinstellung mein Leben?“
Wenn ihr euer Leben von eurer eigenen Natur bestimmen lasst, müsst ihr sterben.
Doch wenn ihr in der Kraft von Gottes Geist die alten Verhaltensweisen tötet,
werdet ihr leben. (Röm 8,13)

